Äpfel mit Birnen vergleichen

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„Twitter hat versagt“, schreibt Henrik Schmitz, Kultur- und Medienredakteur bei evangelisch.de. Er begründet auch umfassend, warum er zu dieser Einschätzung kommt:

„Bei der Geiselnahme von Leipzig hatte die Mikroblogging-Plattform die Gelegenheit zu beweisen, dass sie mehr kann als etablierte Verlage und Rundfunkanstalten: Liveberichterstattung aus vielen Blickwinkeln und dazu Hintergrundinformationen, zusammengetragen von der Vielzahl der Nutzer. Stattdessen gab es Raunen im Walde, Fehlinformationen und Werbung – valide Informationen lieferten professionelle Journalisten.“

Redakteur Schmitz unterliegt einem grundlegenden Irrtum: Twitter ist keine Redaktion, die im journalistischem Wettstreit mit einem Medium liegt; Twitter ist ein Vertriebskanal wie Radio oder Fernsehen.

Twitter transportiert Informationen, jeweils maximal 140 Zeichen lang. Twitter lässt nicht nur Journalisten Tweets verschicken. Auf der Plattform twittern Lifestyle-Exhibitionisten Angaben über ihre tägliche Ration Müsli, ebenso Experten wie mashable ihre Tipps zu Social Media, aber auch Nachrichtensender wie CNN ihre breaking news.

Nein, Twitter hatte keine Gelegenheit zu beweisen, dass es mehr kann als etablierte Verlage und Rundfunkanstalten! Individuen, die Twitter als Verbreitungskanal für ihre Informationen benutzen, hätten die Gelegenheit dazu gehabt. Ist offensichtlich nicht geschehen – dafür ist aber Twitter nicht verantwortlich zu machen. (In einem anderen Fall, bei der Notlandung von US Airways Flug 1549 im Hudson in New York ist das durchaus gelungen.)

Twitterer PaganFolk irrt, wenn er triumphierend postuliert, dass Twitter immer einen Schritt voraus sei. Einzig ein Twitterbenützer hätte den etablierten Medien einen Schritt voraus sein können, wenn er glaubwürdige und verlässliche Informationen zum Ereignis vermittelt hätte.

Redakteur Schmitz irrt, wenn  er von einem Punktesieg professioneller Journalisten gegen Twitter schreibt. Denn dieses Match hat nie stattgefunden. Redakteur Schmitz vergleicht Äpfel mit Birnen, weil er einen Vergleichskampf zwischen journalistischem Inhalt und technischem Verbreitungskanal herbei schreibt. Eine unmögliche Paarung.

Hier läuft einmal mehr die kindische und völlig überflüsige Wadlbeißerei ab zwischen

  • einem User, der – aus welchen Gründen auch immer – die journalistische Kompetenz in Zeiten von Social Media offensichtlich für entbehrlich hält und
  • einem Journalisten, der ebenso offensichtlich nicht wahrhaben will, dass Social Media nicht die Feinde, sondern eine Zukunftschance für den arg gebeutelten Journalismus  sind.

Warum ist es so schwer zu akzeptieren, dass beides unabdingbar ist? Journalisten brauchen Social-Media-Plattformen wie Twitter, damit sie zumindest einen Teil jener Rezipienten erreichen, die keine klassischen Massenmedien mehr konsumieren. Auch Internetnutzer wollen Inhalte, auf die sie sich verlassen können, ohne dass sie diese selber auf den Wahrheitsgehalt überprüfen müssen. Inhalte, die journalistischen Qualitätskriterien wie verlässlich, glaubwürdig oder verständlich entsprechen.

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Journalismus und seine digitale Zukunft

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Unter 2700 Journalisten haben sich die dpa-Tochter news aktuell und Faktenkontor umgehört, um Meinungen zum Journalismus in einem neuen Informationszeitalter zu bekommen. Die Ergebnisse haben sie im „Medien Trendmonitor 2010″ zusammengefasst. Zwei davon lauten:

  • Zwei von drei Journalisten sagen, dass sie fit sind für die digitale Zukunft.
  • Aber nur jeder vierte denkt das Gleiche von den deutschen Medienunternehmen.

In diesem Video sind die Resultate der Umfrage ebenfalls aufgelistet:

Social Media und Journalisten

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Den Journalisten wird – positiv formuliert – ein gespaltenes Verhältnis zu Social Media nachgesagt. Da werde nur belanglos geplaudert: „Was interessiert mich, welches Frühstück jemand gegessen hat“, sagte einer meiner Kollegen kürzlich und meinte, diese Zeit verschwendende Überflüssigkeit werde in ein paar Jahren ohnedies wieder verschwunden sein.

Social-Media-Plattformen boomen

Da dürfte mein Kollege irren: Facebook hat weltweit schon mehr als 400 Millionen eingetragene Benutzer. In Österreich sind es auch schon 1,4 Millionen. Twitter hat sich mittlerweile schon mehrfach als Zulieferkanal für (nicht geprüfte) Information für Berichterstattung bewährt. Second Life ist zwar in der medialen Versenkung verschwunden. Ungeachtet dessen hat die Zahl jener zugenommen, die die virtuelle Welt besuchen.

Studie: 82 % nutzen Social Media

Deshalb ist auch die Frage interessant, wie die Journalisten mit Social Media umgehen. Für Österreich haben diese Aufgabe – zumindest was den quantitativen Aspekt betrifft – die PR- und Lobbying-Agentur ikp und das Fachmagazin „Der Österreichische Journalist“ übernommen. Sie haben in einer Studie Journalisten über ihren Umgang mit Social Media befragt. 545 haben sich an der Onlineumfrage beteiligt.

Überrascht hat mich, dass 82 % der Studienteilnehmer angaben, sie seien auf einer Social-Media-Plattform vertreten. Ich hätte eine geringere Zahl vermutet – vor allem in den Altersgruppen 40 – 49 Jahre (71 %) und bei den über 50-jährigen Journalisten (68 %). Dass 95 % der unter 29-Jährigen mit mindestens einer Social-Media-Plattform verlinkt sind, überrascht hingegen nicht.

Facebook ist klarer Favorit

Bei den Plattformen geben die Journalisten eindeutig Facebook den Vorrang (79 %) vor Xing (69 %), Twitter (30 %) und YouTube (27%). 53 % der Befragten geben an, dass sie Facebook täglich nutzen; 57 % tun dies sowohl beruflich als auch privat. Diese Dominanz von Facebook nicht nur unter den befragten Journalisten ließ den Marktforscher Günter Brandstetter von 3MfB bei der Studienpräsentation vermuten, dass die anderen vergleichbaren Plattformen in den nächsten Jahren bedeutungslos würden.

Bei den Motiven, warum Journalisten Social-Media-Plattformen nutzen, liegt der Ausbau und die Pflege des persönlichen Netzwerks mit 60 % voran. Für Recherchezwecke nutzen sie 36 %, um Themen für die Berichterstattung zu finden 35 %. Vergleichsweise bescheiden nimmt sich die Zahl derer aus, die angeben Social-Media-Plattformen für Kontakte zum Publikum einzusetzen (25 %) oder das kollektive Wissen der User für die journalistische Arbeit zu nutzen (crowsourcing: 4 %).

Blogs – Stiefkinder der Journalisten

Bescheiden nimmt sich auch das Verhältnis der befragten Journalisten zu Weblogs aus: Nur 16 % führen selber einen Blog; 26 % geben an Blogs zu beobachten. 68 % der Befragten haben mit Blogs überhaupt nichts am Hut.

Abschließend merkten die Studienautoren bei der Präsentation der Ergebnisse an, dass mehr Journalisten (82 %) Social-Media-Plattformen nutzen als die Durchschnitts-Österreicher (70 %).

Nachtrag am 7.5.2010:
Habe heute einen Link gefunden, unter dem die gesamte Studie abgerufen werden kann.