In diesem Herbst wird viel nachgedacht über und viel gefordert für den Qualitätsjournalismus. Im Herbst haben die Medienmanager, Medienfachleute und Medienvordenker offensichtlich Zeit, um sich mit dem auseinander zusetzen, was gerne unter Medienkrise subsumiert wird: Rückgang bei den Werbeeinnahmen, Abwanderung der Rezipienten von den alten Medien, Verfall der Qualität in den journalistischen Produkten …

Der Anspruch der Idealisten …

So folgten 7000 der euphemistischen Abkürzung MUT (Medien und Transformation) zu den Münchner Medientage. Vor allem den Printmedien empfahlen die Fachleute, sie mögen sich doch auf die zentralen Elemente des Qualitätsjournalismus besinnen, auf gründliche Recherche, Analyse und Hintergrundberichterstattung. Am selben Tag berichtete newsroom.de, dass viele Verlage mit weiteren Sparmaßnahmen auf die Medienkrise reagieren werden – nach einer Studie wolle die Hälfte der befragten Medienhäuser Redaktionen zusammenlegen.

Weniger Redakteure erledigen gleich viel Arbeit wie bisher – diese Tatsache steht im krassen Widerspruch zu der Forderung bei den Medientagen, die Redaktionen mögen sich auf die Elemente des Qualitätsjournalismus besinnen: gründliche Recherche, Analyse und Hintergrundberichterstattung. Der Anspruch der Medientheoretiker und mancher Journalisten und Wirklichkeit der Medienmanager klaffen weit auseinander.

… und die Wirklichkeit der Medienmanager

Das gilt nicht minder für die Ausführungen beim Herbstforum der „Initiative Qualität im Journalismus„. „Journalisten müssten selektieren, erklären und profiliert deuten“, werden beim IQ-Herbstforum die Eckpfeiler des Qualitätsjournalismus formuliert. Und wieder schlägt sich der Anspruch mit der Wirklichkeit. Drei Wochen später, beim „Monaco Media Forum„, nämlich argumentiert Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Konzerns, in einer Diskussion mit Arianna Huffington: „Die Journalisten machen ihren Job nicht gut genug.“

Döpfner lieferte auch gleich die Erklärung mit, was aus seiner Sicht guter Journalismus ist: Es gebe nicht viel, was die Leute wirklich interessiere, sagte er: „Im wesentlichen sind das Sex und Crime“. Diese Geschichten müssen laut Döpfner gut erzählt und konsumentenfreundlich aufbereitet mit einfachen Bezahlsystemen zur Verfügung gestellt werden. Dann funktioniert seiner Meinung auch Paid Content.

Von den Ansprüchen der Verfechter des Qualitätsjournalismus als Ausweg aus der Medienkrise sind diese Aussage weit entfernt. Wenn es nach den Aussagen bei den Medientagen in München geht, stellt uns diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit vor ein gesellschaftspolitisches Dilemma. Dort wurde nämlich einmal mehr festgestellt, dass sich nur durch Qualitätsjournalismus dauerhaft eine Öffentlichkeit herstellen lasse, die eine unverzichtbare Basis für die Demokratie und den Zusammenhalt in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft darstelle.

Die mediale Wirklichkeit sind aber noch allzu oft Beiträge im Sinne Döpfners inhaltlichem Bekenntnis. Wie dieser, der bei RTL-„Explosiv“ über die Wahl der „Miss Obdachlos“ in Brüssel ausgestrahlt wurde.

Advertisements