Kahlschlag III

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17.11.2008: Der „Guardian“ berichtet, dass innerhalb von nur einer Woche in Medienbetrieben – Print und elektronisch – in Großbritannien mehr als 2300 Arbeitsplätze gestrichen wurden, unter anderem in so bekannten Firmen wie Virgin Media, ITV und Channel 4. Als Grund für die Einsparungen nennen die Medienunternehmen den Rückgang der Werbeeinnahmen.

19.11.2008: Der Verlag Gruner + Jahr kündigt an, dass er seine Wirtschaftstitel „Capital„, „Impulse“ und „Börse Online“ ab März 2009 in Hamburg produziert wird. Die bisherigen Produktionsstandorte in Köln und München werden aufgelassen, die bisherigen 110 Mitarbeiter der drei Publikationen werden gekündigt.

21.11.2008: Bei der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) werden im Jahr 2009 zehn Prozent der 4100 Arbeitsplätze gestrichen. Davon betroffen seien auch einige der 3000 Journalisten des Unternehmens, berichtet der „Standard„. AP leidet unter dem Einnahmeverlust durch die US-Zeitungsverlage, die sich in einer wirtschaftlichen Krise befinden.

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beherzter Versuch "interaktives Fernsehen"

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Die Inhalte lassen sich nur zu fix vorgegebenen Zeiten konsumieren; der unablässige Strom von bewegten Bildern und Tönen verdammt den Konsumenten zum passiven Zusehen. Fernsehen verliert an Beliebtheit. Immer mehr – vor allem junge – Medienkonsumenten greifen zur Alternative, zum Internet, wo Videos zu jedem beliebigen Zeitpunkt angesehen werden können. Außerdem lassen sich Internetangebote vom Nutzer steuern. Individuell. Sie sind interaktiv.

Die Idee, das gute alte Fernsehen interaktiv zu machen, ist alt. Die bisherigen Versuche waren aber nicht von besonderem Erfolg gekrönt. Die ARD macht nun einen Anlauf und bietet den Versuch „Tagesthemen Interaktiv“ an. Haben frühere Versuche für interaktives Fernsehen, wie zum Beispiel die beiden Projekte der „Plattform Digitales Salzburg“ (Disclaimer: Der Autor dieses Blogs ist Obmann des Vereins „Plattform Digitales Salzburg„) noch den Fernsehapparat als Ausgabegerät gewählt, so sind die interaktiven Tagesthemen der ARD ausschließlich über Internet abrufbar.

„Uns ist klar, dass es auf Dauer zu wenig sein wird, lediglich Fernsehsendungen ins Netz zu stellen. Das wird den Möglichkeiten des Mediums nicht gerecht“, schreibt Chefredakteur Kai Gniffke im Blog der Tagesschau. Die Nutzer sollen nun anhand der bereit gestellten Probesendung entscheiden, ob eine Darbietung wie „Tagesthemen Interaktiv“ diese Möglichkeiten nutzt und akzeptiert wird.

Betonung auf Probesendung. Das Testen erfordert Geduld, die Ladezeiten sind selbst mit einer leistungsstarken Breitbandanbindung sehr lang. Abgesehen davon ist es ganz reizvoll, die Moderatorin, den Ablauf der Sendung mit einem Mausklick zu unterbrechen, um Video-Beiträge abzurufen, die den Hintergrund des gerade behandelten Themas beleuchten oder den Nutzer übre die Vorgeschichte aufklären. Das Fernsehen wird auf Wunsch des Nutzers non linear – für IPTV (Sendungen werden über Datenleitungen und Internetprotokoll auf den Bildschirm dargestellt) könnte das funktionieren – wenn es gelingt, das traditionelle passive Nutzungsverhalten der Konsumenen vor dem Fernsehgerät zu ändern.

Für das Internet mit dem Ausgabegerät Monitor scheint mir das Konzept von „Tagesthemen Intraktiv“ zu kurz gegriffen. Anders als das Fernsehen kann das Internet mit allen zur Verfügung stehenden Medien umgehen – auch mit Text und Fotos, mit Audio (ohne Bild ;-)) und Grafiken. Jedes dieser Medien hat seine ganz eigenen Stärken – Text zum Beispiel eignet sich viel besser zur Berichterstattung, die in die Tiefe geht, zur Darstellung abstrakter Sachverhalte als Fernsehen.

Fernsehen wird den Möglichkeiten des Internet nur dann gerecht, wenn es auch die Grenzen seiner traditionellen Darstellungsmöglichkeiten durchbricht und die Darstellungsformen der anderen klassischen Möglichkeiten (Print, Hörfunk) integriert. Das Stichwort lautet: konvergenter Journalismus.

Dennoch, der Versuch von Innovtionsabteilung und Tagesthemen der ARD, neue Möglichkeiten für das Fernsehen im Internet zu suchen, ist beherzt und notwendig. Die meisten anderen Fernsehstationen belassen es dabei, das Internet zur Lagerstätte – positiv formuliert: zum Archiv – bereits gespielter Fernsehsendungen zu degradieren.

Schuldzuweisungen

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Eine heftige Debatte ist zwischen dem amerikanischen Journalisten und Kolumnisten des Web-Magazins Slate, Ron Rosenbaum, und Jeff Jarvis, Journalist und außerordentlicher Professor für interaktiven Journalismus an der City University of New York, entbrannt; eine Debatte über die Frage, wie viel Schuld die Journalisten selber an der aktuellen Krise des Journalismus haben.

Der nicht mehr aktive Journalist Jarvis zeigt sich kompromisslos bei seinen Schuldzuweisungen. In seiner Kolumne im Guardian lässt er keinen Zweifel daran, wer für ihn die Verantwortung trägt:

„Der Niedergang des Journalismus ist die Schuld der Journalisten. Es ist unsere Schuld, dass wir die Veränderungen nicht früh genug auf uns zukommen sahen und unser Handwerk nicht auf den Übergang vorbereitet haben. Es ist unsere Schuld, dass wir die Möglichkeiten nicht beim Schopf ergriffen haben, die uns die neuen Medien und die neuen Beziehungen zum Publikum geboten haben. (…)“

Jarvis antwortete in seiner Kolumne auf Paul Farhi von der Washington Post, der in einem Beitrag für das American Journalism Review nicht den Journalisten in den Redaktionen die maßgebliche Schuld am wirtschaftlichen Niedergang der Tageszeitungen in den USA gibt:

„Das Problem hat wenig mit Berichterstattung, Verpackung und Verkauf von Information zu tun. Es ist viel größer als das. Zu den schwerwiegendsten Bedrohungen gehört der Verlust von Kleinanzeigen, die sinkende Zahl von Inseraten und die Verschuldung der Medienunternehmen. (…)“

Ron Rosenbaum in seinem Beitrag nun unterstellt Jeff Jarvis Hartherzigkeit und überhebliches Unverständnis, was die Aufgaben und Anforderungen an einen Journalisten betrifft:

„Ja, nach der Logik von Jarvis, waren die hart arbeitenden Reporter, die nun auf der Straße stehen, Narren: Sie verbrachten ihre Zeit nicht damit herauszufinden, wie sie sich multimedial in Position bringen können. Ich denke da an John Conroy, der jahrelang über Polizeifolter schrieb für die Zeitung Chicago Reader, der nun pleite ist und Conroy kündigte, gerade als nach Jahren seiner Berichterstattung (100.000 Worte!) die offiziellen Erhebungen in der Affäre begonnen hatten. (…)“

Eine Zusammenfassung der Debatte und eine Analyse und Bewertung des Themas aus seiner Sicht steuert der Journalist Ken Sands in den E-Media Tidbits auf Poynter Online bei:

„Meiner Meinung nach macht Jarvis den konkreten Versuch, ein neues Geschäftsmodell für Nachrichten zu inspirieren. Allerdings werden unterentwickelte Geschäftsmodelle viele Journalisten nicht glücklich machen – und das scheint der Kern des Konflikts zu sein. Jarvis stellt unmissverständlich klar, dass er weniger daran interessiert ist Journalisten zu retten als vielmehr den Journalismus an sich. (…)“

Und bei uns, in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz, in Europa? Auch bei uns wird der Journalismus als in der Krise wahrgenommen, die klassischen elektronischen und Print-Medien kämpfen mit wirtschaftlichen Problemen. Wie sieht es bei uns mit derMitverantwortung der Journalisten aus?

Geschäftsmodell dringend gesucht

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„Wird der Journalismus im Internet noch derselbe sein wie der auf Papier? Wie es mit dem Journalismus weitergeht“ – Christof Siemes schreibt seine Vision, „wie guter Journalismus in Zukunft aussehen könnte“ in Zeit-Online nieder.

Zum selben Ergebnis – was die Qualität des Journalismus auf Nachrichtenportalen betrifft – kommt das Gutachten „Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet
Wie das Web den Journalismus verändert
“ der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2007.

Es fehlen also funktionierende Geschäftsmodelle, um Qualitätsjournalismus im Internet zu finanzieren. Das ist die Herausforderung: Nicht den guten Journalismus tot reden, sondern Geschäftsmodelle entwickeln. Dazu muss allerdings zuerst alle Beteiligten klar sein, dass Qualität im Journalismus mehr ist als nur das Reden darüber. Einen ersten Schritt setzt jetzt der deutsche Presserat.

"Süddeutsche" muss sparen

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Erst vor wenigen Tagen, bei einer Diskussion über die massiven Probleme (nicht nur) der Printmedien, über Werbung Geld zu verdienen, sagte eine Kollege, er glaube dass nicht so recht, weil es den renommierten Blättern ja noch gut gehe.

Irrtum. Auch die renommierten leiden – von der Süddeutschen Zeitung ist es nun auch öffentlich geworden: Unter anderen der Berliner Tagesspiegel, der Mediendienst Kress und der Branchendienst Meedia berichten von einem drastischen Sparprogramm in der SZ. Demnach sollen im kommenden Jahr 20 Prozent der Kosten eingespart werden. Das sind 15 Millionen Euro. Diesem Sparprogramm könnte jede fünfte Redakteursstelle bei der SZ zum Opfer fallen, heißt es in diesen Berichten. Im Medienblog CARTA, schreibt Robin Meyer-Lucht, dass sich diese Entwicklung schon bei den Münchner Mdientagen abgezeichnet habe.

Egal, ob man es vorher schon hätte wissen können oder ob es erst jetzt bekannt wird: Der Kahlschlag in den Redaktionen geht weiter.

Kahlschlag – Fortsetzung

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Allein heute, am Montag, 10.11.2008, waren folgende zwei Sachverhalte in den Zeitungen zu lesen. Zwei Entwicklungen, die schön langsam auch die Einrichtung einer deutschsprachigen Version von Newspaper Death Watch rechtfertigten:

Die traditionsreiche Oberösterreichische Rundschau wird von der neuen Eigentümerin, der Moser Holding aus Innsbruck, wegen – wie es heißt „schlechter Ertragslage“ – in eine Gratiszeitung umgewandelt. Damit gehen 100 von 250 Arbeitsplätze verloren; die verbleibenden 150 Arbeitnehmer müssen mit beträchtlichen Einkommenseinbußen rechnen. So sollen die Journalisten von ihrem in den für den Arbeitgeber preiswerteren Kollektivvertrag des Gewerbes gezwungen werden. Das bedeutet bis zu 50 Prozent weniger Geld für die Betroffenen. (Einzelheiten dazu)

Die WAZ-Mediengruppe will, so hat es Geschäftsführer Bodo Hombach angekündigt, 30 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Vor diesem Hintergrund ist die Redaktionsreform der WAZ für ihre vier Zeitungen in Nordrhein-Westfalen zu sehen: die Ressorts Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Vermischtes und Fernsehen, die bisher in jeder der vier Tageszeitungen eigenständig betrieben wurden, werden in eine Zentralredaktion zusammen gelegt. Der Chefredakteur spricht von Qualitätsverbesserung; Branchenkenner vermuten, dass mit dieser Zusammenlegung ein Viertel der Redakteure eingespart werden könnten – nämlich 200. (Einzelheiten dazu)

Kahlschlag

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1. Juli 2008: Die französischen Tageszeitungen „Le Monde“ und „Le Figaro“ kündigen an mehr als 200 Mitarbeiter, darunter 105 Journalisten, abzubauen, um Personalkosten von 9,4 Millionen Euro zu sparen.

24. Juni 2008: Der Deutsche Journalisten Verband protestiert gegen den Eigentümer der Berliner Zeitung, den Finanzinvestor David Montgomery: „Wenn, wie geplant, allein bei der Berliner Zeitung 40 von 130 Redakteursstellen wegfallen sollen, verkommt das Blatt zum Sammelsurium von Agenturmeldungen„.

16. Juli 2007: Die neuen Eigentümer des Medienkonzerns ProSiebenSat1, die Finanzinvestoren KKR und Permira, drängen auf eine Erhöhung der Rendite von 22,2 auf 30 Prozent im Jahr 2008. Als Folge werden werden „rund 250 Arbeitsplätze im Bereich des Informationsjournalismus vernichtet.

Drei Beispiele aus den vergangenen zwölf Monaten. Aus einem Beitrag der „Neuen Zürcher Zeitung Online“ geht hervor, dass diese nur die Spitze des Eisbergs sind – in Europa,vor allem aber in den USA, wo die Auflagezahlen der Tageszeitungen stark schrumpfen – von März bis September 2008 um 4,6 Prozent : „Der Auflagenrückgang, das Abwandern von Anzeigen, die Billigkonkurrenz im Internet, die anhaltend hohen Kosten des Print-Gewerbes und die oft schwindelerregend hohe Verschuldung vor allem der US-Unternehmen gelten als die zentralen Gründe der Abwärtsbewegung.“

Die Aasgeier beziehen Position: Newspaper Death Watch publiziert penibel, welche Tageszeitung in den USA mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat und wie viele journalistische Mitarbeiter entlassen muss. Schadenfroher Untertitel der Website: „Chronik des Niedergangs von Zeitungen und der Wiedergeburt des Journalismus“.