Fernsehen in der Hosentasche

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Viel ist in den Tagen vor der Fußball-Europameisterschaft, die im Juni in Österreich und in der Schweiz ausgetragen wird, die Rede von Fernsehen auf dem Handy. Auch in Österreich soll dieser neue Distributionskanal für bewegte Bilder, vulgo Fernsehen, unter dem Namen DVB-H als kommerzielles Service angeboten werden. Die Rundfunk-Regulierungsbehörde RTR jedenfalls hat die Lizenz vergeben und zwar an den internationalen Rundfunk-Dienstleister Media Broadcast, der die ORS – sie betreut unter anderem die mehr als 700 Sender des ORF – an Bord geholt hat.

Das ist die Ausgangssituation in Österreich. Dahingestellt bleibt zum jetzigen Zeitpunkt, wie viele Konsumenten – Early Adopters ist wohl die passendere Bezeichnung – DVB-H empfangen können und wollen, wenn es denn im Juni angeboten wird. Die Skepsis der Österreicher gegenüber Fernsehen auf dem Mobiltelefon ist groß. Denn erstens wird es kostenpflichtig sein und zweitens sind geeignete Endgeräte nicht nur in Österreich noch Mangelware. Aber drittens geben sich die, die mit DVB-H ein Geschäft machen wollen, mehr als zuversichtlich: Bis 2011 rechnen sie mit 500 Millionen Handy-TV-Benutzern weltweit.

Sie merken es bereits: Wenn von DVB-H und seiner Einführung die Rede ist, dann werden technische und wirtschaftliche Argumente ins Treffen geführt. Selten wird über die Inhalte gesprochen, über Programme und Sendungen, die den technischen Anforderungen und dem unterschiedlichen Nutzungsverhalten von DVB-H entsprechen. Aber gerade die Verfügbarkeit von Fernsehinhalten, die auf diese Anforderungen zugeschnitten sind, werden meiner Meinung nach über den wirtschaftlichen Erfolg von DVB-H entscheiden:

  • Das Bild auf dem Mobiltelefon (320 x 240 Bildpunkte) ist um den Faktor fünf kleiner als auf dem herkömmlichen Fernsehgerät (720 x 576 Bildpunkte). Kameraeinstellungen und Insertgrößen müssen auf diese technische Vorgabe Rücksicht nehmen; denn bei Supertotalen, wahrscheinlich schon bei Totalen ist auf dem Handydisplay nicht mehr viel bis nichts mehr zu erkennen.
  • Der Datenstrom, der Fernsehprogramme auf das Mobiltelefon liefert, ist weitaus stärker komprimiert als bei PAL-Fernsehen über DVB-T oder DVB-S und daher viel anfälliger für Artefakte bei raschem Bildwechsel. Die Kameraführung muss darauf Rücksicht nehmen.
  • Der Konsument nutzt Fernsehen am Handy viel kürzer als herkömmliches Fernsehen; 20-minütige Nachrichtensendungen werden zu lang sein, ebenso wie wie Spielfilme mit zwei Stunden Länge.
  • Fernsehen auf dem Handy wird in anderer Umgebung genutzt als klassisches Fernsehen; z.B. in der U-Bahn und nicht im privaten Umfeld des Wohnzimmers.

Erst wenige Formate, wie zum Beispiel die „Tagesschau in 100 Sekunden“ der ARD oder die Daily Comedy „Anna und du“ des ORF, nehmen auf die Besonderheiten von DVB-H Rücksicht, sind speziell für die Besonderheiten von Fernsehen auf dem Mobiltelefon produziert.

Für Handyfernsehen während der EURO 08 sind 15 TV-Programme geplant, genannt werden jene des ORF, von ATV und die wichtigsten deutschen Sender. Zumindest diese Sender liefern also Programm für Fernsehgeräte in gewohnter Größe. Fürs Handyfernsehen wird das Bild nur „klein gerechnet“.

Ob das für eine Erfolgstory Handyfernsehen ausreicht? Fernsehen auf dem Mobiltelefon läuft Gefahr, dass es von den Konsumenten nicht akzeptiert wird, weil Inhalte angeboten werden, die nicht für die kleinen Displays, die stark komprimierten Datenströme und die speziellen Nutzungsbedingungen konzipiert und produziert wurden.

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Kapazitätsmangel und Leiharbeit

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Eigentlich soll es in diesem Blog um die Zukunft des Journalismus gehen; um die Chancen und Herausforderungen, die der Übergang von der analogen Medienwelt der breiten Öffentlichkeit in die digitale Welt der fragmentierten Publika (communities) für die Journalisten bereit hält.

Diese spannende Suche nach und der Diskurs über neue Möglichkeiten der Berichterstattung unter Einhaltung der altbewährten, journalstischen Qualitätskriterien – all dies ist realitätsfremd und naiv, wenn nicht die gegenwärtige Arbeitssituation der Journalisten mit berücksichtigt wird.
Die ist in vielen, wohl in sehr vielen Fällen schwierig bis prekär. Wenn zum Beispiel in Redaktionen planlos gespart wird, ohne dass nämlich Workflows und Arbeitsanfall auf die geringere Menge an Personal und/oder an die niedrigeren Budgets angepasst werden. Um es plakativ zu formulieren: Zwei Redakteure können nicht die gleiche Menge an Berichten mit den gleich hohen Qualitätsansprüchen in der gleichen Zeit produzieren. Das ist logisch, leicht verständlich und wird in den Medienanstalten nicht nur dieses Landes nicht eingesehen. Die Geschäftsführungen verringern Personal, kürzen Budgets und erwarten für die Zukunft dennoch die gleiche Menge an journalistischen Produkten in der selben Qualität wie bisher. Oder die Sparvorgaben in den Redaktionen werden durch den Einsatz von Leiharbeitern erfüllt. Oder von geringer bezahlten Mitarbeitern in ausgelagerten Unternehmen.

Diese Debatte ist längst keine akademische Auseinandersetzung mehr über wünschenswerte Verhältnisse. Journalisten selber beschreiben vielmehr Outsourcing neben schlechter Ausbildung als größte Gefahr für unseren Berufsstand.