Die falsche Schlussfolgerung

Hinterlasse einen Kommentar

Was bedroht den Qualitätsjournalismus? Das wird in diesen Tagen vielerorts diskutiert (auch ich werde, wie bei den meisten dieser Diskussionen, den Begriff „Qualitätsjournalismus“ einfach so stehen lassen, als würden wir uns alle einig sein, was darunter zu verstehen ist …).

Die Bedrohung für den Qualitätsjournalismus wird also landauf landab diskutiert, so geschehen auch am 6. Juni 2007 in einem Meinungsaustausch über Online-Journalismus beim Media Coffee der dpa-Tochter News Aktuell; unter dem Titel „Edelfedern auch im Online-Zeitalter“ berichtete DWDL.de darüber. Über die Auswirkungen des Online-Journalismus steht zu lesen:

Auch Kuno Haberbusch, Leiter des NDR-Medienmagazins ‚Zapp‚, sieht die Gefahr, dass der investigative Journalismus auf der Strecke zu bleiben drohe. ‚Die neue Journalisten-Generation ist mit dem Internet aufgewachsen, die Anforderungen haben sich geändert. Mindeststandards für den Beruf muss es aber weiterhin geben‘, so Haberbusch.“


Das Internet ist in diesem Fall wohl der falsche Prügelknabe. Denn die Mindeststandards für Qualitätsjournalismus werden von vielen Online-Journalisten ja nicht deswegen missachtet, weil sie fürs Internet schreiben. Vielmehr sind es die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Redaktionen, die dazu führen. In Ihrer Studie über Nachrichten-Sites im Internet fassen Steffen Range und Roland Schweins diese Rahmenbedingungen in mehreren Thesen so zusamen:

  • „Nachrichten werden im Web nicht nach Wichtigkeit und Relevanz ausgewählt, sondern nach Einschaltquote.
  • Daraus resultiert eine Themenselektion und Gestaltung im vorauseilenden Gehorsam, ausgerichtet an den Bedürfnissen von Suchmaschinen und am Massengeschmack – eine antizipierende, opportunistische und liebedienerische Auswahl, die sich auf technisch begleitetes Ausspionieren der Leser stützt.
  • Die Orientierung an Quote und Massengeschmack bewirkt eine Holzschnittartigkeit und Uniformität der Websites, eine Verarmung der journalistischen Stilformen, eine Manipulationder Leser und Inhalte, eine Überrepräsentation seichter und unterhaltender Themen.“

Vor allem Mangel an journalistischem Personal in den Onlineredaktionen, der große Arbeitsdruck, hohe Quoten als einzige Messlatte für den Erfolg, der Druck von PR und Marketing auf die Redaktionen und unzureichende Ausbildung gefährden nicht nur den investigativen Journalismus, sondern alle journalistische Arbeit, die als Qualitätsmerkmal ausreichend umfangreiche Recherche für sich in Anspruch nimmt.

Diese Diagnose gilt nicht nur für den Online-Journalismus. Auch die Journalisten in den Redaktionen der klassischen Massenmedien spüren diese Umklammerung, die dem Qualitätsjournalismus immer mehr den Sauerstoff zum Leben nimmt.

Daher sei ZAPP-Macher Haberbusch entgegen gehalten, dass nicht das Internet den investigativen, den Qualitäts-Journalismus überhaupt gefährdet, sondern das „wackelige Fundament, auf dem die finanziellen Grundlagen des Journalismus stehen“ (Weischenberg, Malik). Nur wenn die Redaktionen wieder ausreichend mit Geld ausgestattet werden, dann werden die Mindeststandards für den Journalismus, wie Haberbusch sie zurecht fordert, eingehalten werden können.

Advertisements

Zwischen Medienfreiheit und Medienverantwortung

Hinterlasse einen Kommentar

Wir Journalisten rühmen uns gerne, die Kontrollore der Gesellschaft zu sein, vor allem die Kontrollore der Politiker und ihres Handelns. Deswegen schützt die Medienfreiheit die Arbeit der Journalisten, damit sie ihrem öffentlichen Informations- und Kontrollauftrag möglichst ungehindert nachkommen kann. Soweit der Anspruch. Die Realität sieht ganz anders aus: Nachrichten sind Ware; journalistische Qualitätsbegriffe wie Objektivität, Ausgewogenheit, Glaubwürdigkeit und Faktentreue sind Lippenbekenntnisse.

Wo hört die Medienfreiheit auf und wo beginnt die Verantwortung der Medien? Das war eine der Fragestellungen heute beim Symposium „Medienfreiheit, Medienmacht und Persönlichkeitsschutz„, das sich das Österreichische Institut für Menschenrechte als Geschenk zu seinem 20. Geburtstag gemacht hat. Universitätsprofessor Dr. Walter Berka thematisierte die Spannung zwischen der Freiheit und der Verantwortung der Medien in seinem Einführungsreferat. Und war sich grundsätzlich mit dem Herausgeber des Falter, Armin Thurnher, einig, der bei der Verleihung eines Preises im Mai 2007 gesagt hatte: „Nicht Zensur oder Terror sind die größten Bedrohungen der Meinungsfreiheit. Es sind die Medien selbst, die sich gefährden. Wenn ihre Gier nach Aufmerksamkeit keine Rücksicht mehr nimmt.“

Second Life nach dem großen Medienhype?

Hinterlasse einen Kommentar

Umwegrentabilität dürfte eine der Ansprüche sein, die Investoren in Second Life aus der realen Welt importiert haben dürften. So mutet jedenfalls die Aussage von Hotelier Wolfgang Burgschwaiger heute beim IT-Businesstalk der Landesforschungsgesellschaft Salzburg Research und von nic.at an, er werde das „First Spa Hotel“, die virtuelle Filiale seines Wellnesshotels „Übergossene Alm“ Ende Juni schließen.

Beflügelt durch Medienberichte, dass in Second Life pro Tag eine Million echte Dollar umgesetzt würden (Angaben, die mittlerweile übrigens bereits wieder bezweifelt werden), ließ sich Hotelier Burgschwaiger vor Monaten die virtuelle Version seines Hotels bauen: Zwei Zimmer zum Preis von je 100 Lindendollar werden angeboten, den Spa-Bereich betreuen User gegen Entlohnung. Die einmaligen Kosten beziffert der Hotelier mit rund 2000 Euro, die monatlichen Kosten mit 500 bis 700 Euro.

Der Nutzen für den Hotelier entstand vor allem durch die Berichterstattung über das Hotel in der virtuellen Welt. Den Werbewert der Medienberichte beziffert Wolfgang Burgschwaiger mit rund 100.000 Euro.

Aber die eigentlichen wirtschaftlichen Erwartungen erfüllten sich nicht: Die Präsenz in Second Life brachte dem Wellnesshotel in Dienten im Salzburger Land nach eigenen Angaben keine zusätzlichen Gäste. Daher sperrt Hotelier Burgschwaiger das virtuelle Hotel zu: Der Medienhype ist abgeflaut; Second Life meldete im April 2007 zwar eine Million neue User – aber nur 100.000 User sind auch nach einem Monat noch aktiv; vor allem wollen ist Second Life für die User kein Ersatz für die echte Welt – sie wollen sich in Second Life vor allem unterhalten.

Hotelier Burgschwaiger wird sein virtuelles Hotel nach nur wenigen Wochen wieder zusperren, auch wenn er am Ende seines Vortrags eine Prognose der Gartner Group nannte: „„80 % aller aktiven Internet-Nutzer werden im Jahr 2011 eine zweite virtuelle Identität wie in Second Life besitzen.“